Click & Buy: Die Identität Die Identität

Roman, geschrieben 1996, in 1997 erschienen.
Deutsche Ausgabe 168 S., die deutsche Übersetzung von Uli Aumüller stammt aus 1998.

Inhalt

“Die Identität” erzählt die Geschichte einer Krise. Jean-Marc und Chantal lieben sich sehr. Sie hat einen 5jährigen Sohn verloren und ihren ersten Mann verlassen, er hat ein gescheitertes Medizinstudium hinter sich. Jean-Marc ist eine Zuflucht für Chantal, sie ist für ihn wiederum ein Objekt der Fürsorge. Er ist ein wenig ein Außenseiter, phantasievoll, offen für verrückte Ideen und abgehobene Gefühle. Sie ist zurückhaltend, zerbrechlich, positiv eingestellt, aufmerksam. Seit Jahren leben sie zusammen in der ruhigen Gewißheit ihres Glücks. Die Gegenwart genügt ihnen und ein Leben, bei dem man immer nur an das Heute denkt.
Die Krise entsteht aus dem Nichts heraus, oder fast. Weder Katastrophe, noch Erleuchtung, noch das Ende der Liebe sind in Sicht, nur die zufällige Begegnung zweier Eindrücke, zweier banaler und flüchtiger Gefühle. Jean-Marc, der Chantal in ein Strandbad in die Normandie nachgereist ist, verwechselt ihre Gestalt von weitem mit der einer anderen, älteren, weniger schönen Frau: „Ist der Unterschied zwischen ihr und den anderen wirklich so winzig? Wie ist es möglich, dass er die Gestalt des am meisten geliebten Menschen nicht wiedererkennt, des Menschen, den er für unvergleichlich hält?“ Zur selben Zeit, ein paar Meter weiter und am selben Meeresufer hat Chantal eine ebenso banale Erkenntnis: ”Die Männer drehen sich nicht mehr nach mir um.”. Weil sie sich verändert haben und aus Männern Väter geworden sind oder zurückgebliebene Kinder? Oder weil ihr Blick sie gar nicht wahrnimmt, als sei sie durchsichtig geworden? In diese Situation hinein erhält Chantal anonyme Liebesbriefe, für die sie nun besonders empfänglich ist. Diese Bewunderung entfacht in ihr eine neue Leidenschaft, bis sie merkt, dass Jean-Marc ihr nachspioniert hat und die Briefe kennt- noch schlimmer: Jean-Marc ist der Autor. Von diesem winzigen Riß im Gewebe ihrer Identität aus setzen Chantal und Jean-Marc, eben weil sie sich lieben, und mit bestem Willen und Gewissen, einen höllischen Mechanismus in Gang, der zum Bruch zwischen ihnen führt. Jedes Wort, jede Geste, jede Situation, die sie erfinden, um den gerissenen Faden wieder zusammenzuflicken, führt sie tiefer ins Verderben. Sie verlieren sich selbst und den anderen; sie begreifen einander nicht mehr und der Verlust des liebenden Blicks des anderen führt dazu, dass sie sich selbst nicht mehr verstehen.

 

Buchkritik “Die Identität”

So oft schon hat Milan Kundera betont, dass der Roman, das Erzählerische für ihn eine rätselhafte und paradoxe Welt der Relativität sei, die er als großer Zweifler und Skeptiker nach dem Sein des Menschen befrage. Das ist die schlüssige Position dieses Autors, dessen jüngster Roman “Die Identität” auch wegen seines Novellencharakters so ganz nach dem Geschmack des Kundera-hörigen Publikums sein dürfte. Sämtliche „existenziellen Kategorien“ seines Werks sind hier erneut versammelt: Stärke, Schwäche, Treue, Verrat, Spiel, Ernst, jugendliche Unreife, Mitgefühl, Zerstörung, Lachen, Scherz und Schmerz. So unernst-ernsthaft kann eben nur Kundera über die Liebe und die ihr innewohnende Eifersucht schreiben. Im Vordergrund ein Kammerstück für zwei Personen. (Wolf Scheller, Schwäbische Zeitung)

Mit kurzen Pinselstrichen - in etwa fünfzig kurzen Kapiteln - beschreibt Kundera den unweigerlichen Zerfall der Gewissheit, gewissermaßen ein sich entwickelndes Krebsgeschwür, das Geist und Körper gleichzeitig angreift, die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verwischt, Absichten in die falsche Richtung lenkt, den Sinn der Worte verdreht, die einfachsten Erscheinungen verdoppelt, Wahrheiten wie Handschuhe umstülpt und sie zu Täuschungen werden läßt. Der Romanautor ist kein Psychologe mehr, der eine gewisse Sichtweise der menschlichen Natur und ihrer Funktionen hat und davon eine Illustration in Romanform abliefert. Er folgt keinem Schema, denn das Gefühl der Identität ist so komplex wie das der menschlichen Existenz selbst und wahrscheinlich wird dieses Gefühl nur erfassbar, wenn es verlorengeht und die Krise sich zuspitzt. Kundera dringt nicht in hypothetische Seelenabgründe ein, sondern versucht, dieses Gefühl in lesbaren, sichtbaren Erscheinungen greifbar zu machen, also in den Äußerungen der beiden Helden, in ihren Bewegungen, in den Zeichen, die ihre Körper aussenden - wie Chantals Rotwerden - aber auch in ihren Träumen, Erinnerungen, in ihrem sozialen Verhalten. “Die Identität” ist ein großer, materialistischer Roman, so wie Diderots Le Rêve de d’Alembert materialistisch ist, und steht also im Gegensatz zum Positivismus. In ihm ist die Materie die Musik der Welt, das Eine existiert zusammen mit dem Vielfachen, Identität mit Verschiedenartigkeit, Mathematik mit Melodie, Realität mit Fiktion.
In “Die Identität” werden viele Träume erzählt. Aber auch Erzählungen geträumt. Kundera hat sie so eng miteinander verschachtelt, dass es dem Leser unmöglich ist, zu bestimmen, in welchem Moment genau man die „Wirklichkeit“ der Fiktion verläßt, die der Autor uns erzählt, um in die Darstellungen dessen einzudringen, was Chantal und Jean-Marc sich ausdenken, träumen oder im Wahn sich vorstellen. Mehr noch: je weiter man in diesem Roman vorankommt, desto mehr Ereignisse und Szenen, die offensichtlich dem Traum zugehörig sind, nehmen Gestalt an - Wendungen in der Zeit, logische Brüche, die unerwartete Wiederkehr von zweitrangigen Personen -, doch man hat nie den Eindruck, den festen Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir befinden uns zwar immer entweder im Traum des einen oder des anderen, doch letzten Endes ist doch alles eine präzise und vielschichtige Träumerei eines Autors, der die Geschichte von Anfang bis Ende erfunden hat.
Im fünfzigsten Kapitel von “Die Identität” wachen die beiden Helden auf und der Erzähler versteckt sich nicht mehr hinter seiner Erzählermaske. Er wird „Ich“: „Und ich frage mich: wer hat geträumt? Wer hat diesen Traum geträumt? Wer hat ihn sich ausgedacht, Sie? Er? Beide? Jeder für den anderen? Und zu welchem Zeitpunkt hat sich ihr wirkliches Leben in diese perfide Phantasiegeschichte verwandelt? (...) Wo war die Grenze? Wo ist die Grenze?“ Darauf gibt es keine Antwort und wird es nie eine geben, außer vielleicht die, dass die Grenze nicht existiert oder dass sie nicht wahrnehmbar ist, oder dass sie sich an einem Begegnungspunkt zwischen Objektivität und Subjektivität befindet, den man nur über die Fiktion des Romans erreicht.
So steht es mit der Identität, diese Grenze einer anderen Art. Mit der eigenen werden wir ja noch fertig. Trotz aller Veränderungen, die uns belasten, trotz der Müdigkeit, die uns mit der Zeit befällt, trotz des Verfalls unseres Körpers besitzen wir die feste Überzeugung, dass wir immer mit uns selbst übereinstimmen, sonst würden wir verrückt. Doch die anderen? Doch der andere, der mit uns lebt, der in unserer Nähe lebt, wie soll man sich sicher sein, dass er immer derjenige bleibt, den man liebt und natürlich auch der, der uns liebt? Um sich diese Identität zu sichern, werden Chantal und Jean-Marc zu Spionen. Sie verstecken sich, um beim anderen die Spuren einer Veränderung zu erkennen und zu verfolgen, die Zeichen eines Verrats, den Beweis, dass der Mensch, den man liebt, nicht nur nicht mehr genau der ist, den man geliebt hat, sondern wahrscheinlich nie gewesen ist, denn er ist es ja nicht mehr.
Doch diese ständige und angstvolle Überwachung ist nicht nur unerträglich, sondern noch dazu illusorisch. Chantal, die gerade aus ihrem Alptraum erwacht ist, sagt zu Jean-Marc: „Ich werde den Blick nicht mehr von dir wenden. Ich werde dich immer ansehen.“ Das ist in der Tat die einzige, wenn auch unerträgliche Art, sicher zu sein, dass es immer noch er ist, der in ihrer Nähe lebt. Aber kann man sich denn auf den Blick, dieses „Fenster zur Seele“, auch verlassen? Wer das glaubt, läßt die schlichte, mechanische Wirklichkeit des Auges außer acht: „Ein Sehwerkzeug, das dauernd gewaschen, benetzt, instandgehalten werden muß mit einer Flüssigkeit, die mit einer Dosis Salz angereichert ist. Der Blick, das größte Wunder, das der Mensch besitzt, wird also regelmäßig durch eine Waschbewegung unterbrochen.“ Wie soll man also wissen, ob in diesem Sekundenbruchteil, in dem der Blick sich verschließt, alles um uns herum gleich bleibt?
Ist das der dramatische Beweis für die Verletzlichkeit unserer Existenz? Wahrscheinlich. Robert Musil hat in den zwanziger Jahren einer Version seines unvollendeten - unvollendbaren? - Meisterwerks, dem Mann ohne Eigenschaften , den Titel Der Spion gegeben. Auch in seiner Ironie und seiner Kunst des Kontrapunkts ist Kundera nie sehr weit von Musil entfernt. “Die Identität” ist ein ziemlich furchterregender Roman, ein Duo aus Stimmen, die miteinander verschmelzen bis zum Ersticken. Umso furchterregender, als er niemals schwerfällig wird. Als ob das alles zu tragisch wäre, um es ernst zu nehmen. (Le Monde).

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