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Nun tanzen wir beide den „Abschiedswalzer“

 

Brief an Milan Kundera zu seinem 70. Geburtstag / Von Carlos Fuentes

Also, mein lieber Milan,
jetzt wären wir nun beide siebzig! Wie unwirklich, wie überraschend es mir vorkommt, dieses Alter zu erreichen. Dabei ist die Erinnerung an unsere Begegnung in Prag im Jahre 1968 noch so lebendig. Ich möchte diesen tragischen und zugleich erhebenden Augenblick nicht missen, in dem unser politisches Vertrauen auf die Probe gestellt wurde, Träume von Realitäten bezwungen wurden, und die Hoffnugen dennoch angesichts der Gleichgültigkeit nicht wich.

Es war das Jahr von Prag, Paris und Mexiko. In der Tschechoslowakei wurde der großherzige Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz vom Kreml im Namen des Kommunismus brutal niedergewalzt. In Paris schrieben jugendliche Kritiker der post-industriellen, konsumgesteuerten Gesellschaft „Phantasie an die Macht« auf ihre Fahnen. In Mexiko wurde die tödliche Ruhe des autoritären Regimes der PRI, der Partei der Institutionalisierten Revolution, von einer Jugend aufgestört, die auf der Straße um das bat, was sie in der Schule gelernt hatte: Demokratie, Kritik und Freiheit.

Ich habe dieses entscheidende Jahr unseres Jahrhunderts mit dir zusammen verlebt, Milan, und wir haben miteinander die Bitterkeit dessen geteilt, was man damals als Scheitern ansah. Das Scheitern des Prager Frühlings, den die sowjetischen Panzer niederwalzten. Das Scheitern des Pariser Mai an der Komplizenschaft der Kommunistischen Partei Frankreichs und an der Gerissenheit von General de Gaulles. Und das Scheitern der mexikanischen Studentenbewegung, die von den Kugeln des autoritären Regimes machthabenden PRI aufgehalten wurde.

Dennoch stellt sich, was damals als Scheitern erschien, heute aus der Distanz von dreißig Jahren betrachtet, nicht mehr ganz so dar. Unter dem Pflaster von Paris erschien zwar nicht der Strand, doch der französische Sozialismus erstand neu aus seiner Lethargie, in der er unter Guy Mollet und dem Suez-Abenteuer gelebt hatte. Die Kommunistische Partei Frankreich verlor ihr Prestige, bereitete aber eine Generation vor, die kritisch betrachtet, was wir heute erleben: Den wilden Kapitalismus, den globalen Neodarwinismus.

Unter den Rädern der russischen Panzer entstand kein Sozialismus mit menschlichem Antlitz, doch die Tschechoslowakei kündigte zehn Jahre später den Anfang einer neuen Ara für Russland und Mitteleuropa an. Keine bessere Ära, sondern eine beispielhafte Ära. Das Ende des Kommunismus bedeutete weder das Ende der Ungerechtigkeit noch bedeutete der Triumph der Demokratie umgehende Glückseligkeit.

In Mexiko schließlich zeigte das Opfer der Jugend auf dem »Platz der Drei Kulturen« den Beginn des Niedergangs der autoritären PRl-Politik und die Geburt einer mexikanischen Demokratie an, die sich jedoch nicht auf Wahlkämpfe und parlamentarische Quoten beschränken darf, sondern Freiheit, mehr Wohlergehen für die fünfzig Millionen Mexikaner mit sich bringen muß, die in Armut leben.

Als Jùlio Cortázar, Gabriel García Márquez und ich 1968 nach Prag reisten, um bei Dir und der Hoffnung auf Demokratie für Dein Land zu sein, mußten wir die Engel der Illusionen mit den Dämonen der Schicksalshaftigkeit an einen Tisch setzen. Wir konnten nicht voraussehen, was in den darauf folgenden dreißig Jahren geschehen würde. Doch inmitten der russischen Panzer in der Tschechoslowakei, den jugendlichen Leichen in Tlatelolco und der Kopflosigkeit der Polizei im Quartier Latin, haben wir mit unseren Worten, lieber Milan, daran festgehalten, dass, um die Geschichte wirklich zu verstehen, eine Welt der Vorstellung notwendig ist. Haben wir daran festgehalten, dass die Literatur unabdingbar ist, um die Sprache und die Phantasie einer Gesellschaft am Leben zu halten, und daß ohne Phantasie, ohne Sprache keine Gesellschaft überleben wird.

Weder gestern die russischen Panzer, die Pariser Polizeiknüppel oder das mexikanische Blutbad. Noch heute die fröhlichen Roboter des Supermarktes, die lächelnden Totengräber der Geschichte und die grausamen Spekulanten der Ausgrenzung.

Weder Du noch ich haben gedacht, dass ein Roman die Politik verändern kann. Was wir allerdings doch glauben ist, dass die Welt der Männer und Frauen ohne den Roman nicht nur ärmer, sondern auch schwächer angesichts der ständigen Angriffe seitens der Macht wäre. Die politische Macht will absolut sein, und sie ist es nur nicht, weil wir, wir alle, es ihr nicht erlauben. Die tschechische, polnische und ungarische zivile Gesellschaft, Schriftsteller wie du, György Konrad oder Jerzy Andrzejewski, die Filmemacher, Musiker und Philosophen Mitteleuropas haben sich unter der kommunistischen Tyrannei trotz allem immer einen Freiheitsspielraum bewahrt. Werden sie ihn unter der kapitalistischen Gleichgültigkeit weiter bewahren?

Euer Problem, das in Mitteleuropa, stellt sich schwieriger dar als unseres in Lateinamerika. Unsere Ziele sind klarer, von Mexiko bis Argentinien. Bildung, das Wort, das Buch, die Bibliothek, sind die

wichtigsten Waffen im Kampf unserer Länder, der darin besteht, politische Freiheit mit der wirtschaftlichen Besserstellung der Bettelarmen zu verbinden.

Doch in Prag wie in Mexico-Stadt, in Warschau wie in Buenos Aires schafft der Romanschriftsteller inmitten der Stille oder des Getöses der politischen Welt, die beide ohrenbetäubend sind, einen Raum, in dem die Stimme des einzelnen, des unwiederholbaren Menschen, des Mannes oder der Frau, die nicht auf Zahlen oder Codes reduziert werden können, Gehör findet.

Deine hervorragenden Romane, großer und lieber Milan Kundera, haben uns, allen deinen Lesern, nicht nur das Geschenk der reinsten, sondern auch stärksten Phantasie und Sprache gemacht. Durch die zerbrechlichen, einsamen, orientierungslosen und widerstandsfähigen Gestalten aus Der Scherz, Das Leben ist anderswo, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Das Buch vom Lachen und Vergessen, Die Unsterblichkeit, Die Langsamkeit und Die Identität, hast du diesen Raum geschaffen, in dem alle das Recht auf das Wort haben und diese Zeit, in der alles auf wunderbare Weise gegenwärtig ist: sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft.

Deine Romane verhindern machtvoll, dass autoritäre Projekte blühen, welche die Vergangenheit ins Vergessen versenken und eine glückliche, jedoch unerwünschte Zukunft versprechen. Deine Gestalten sind Helden und Heldinnen des Widerstands angesichts von zwei Gräbern: dem Grab des Vergessens und dem Grab des Unerwarteten. Du verleihst einer konfliktiven, reichen, umfassenden Gegenwart Leben. Du weigerst dich auszuschließen. Du bist der Schriftsteller der Einbeziehung, der Umarmung. Du sagst allerdings niemanden, daß die Einbeziehung einfach oder die Umarmung nicht schmerzhaft sei. Wie Faulkner, den wir so sehr bewundern, wählst du zwischen Leiden und dem Nichts den Schmerz.

Wir tanzen beide, Du und ich, mein lieber Freund, den „Abschiedswalzer«, wie der Titel eines Deiner Bücher lautet. Aber wir werden uns weder resigniert, noch müde, noch zufrieden verabschieden. Wir werden weiter entschlossen, energisch und unzufrieden leben und schreiben. Es ist eine große Freude zu wissen, daß wir mit nunmehr siebzig Jahren die Arbeit und die Tage miteinander teilen wie damals, als wir dreißig waren.

Viel Glück wünscht Dir CARLOS FUENTES (in „Frankfurter Rundschau“ vom 1.4.1999)

(Übersetzung:Maralde Meyer-Minnemann)