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Milan Kundera im Interview mit Guy Scarpetta

Die unsichtbare Grenze - In Die Identität erzählt Kundera eine reale Geschichte, die zu einem schrecklichen Traum wird. Uns erklärt er seine neue Art zu schreiben.

Lieber Milan, ich möchte Dir, Deinem Wunsch entsprechend schriftlich, über Die Identität einige Fragen stellen. Von außen betrachtet sind drei Phasen in Deiner Entwicklung als Schriftsteller zu erkennen (abgesehen von deinen Essays auf französisch). Bis zum Jahre 1972 hast Du vier Bücher auf tschechisch in der Tschechoslowakei geschrieben. Dann, bis zum Jahre 1988, drei Romane auf tschechisch in Frankreich (von denen das dritte in Frankreich spielt). Dann zwei Romane in Frankreich auf französisch. Wie haben sich diese brüsken Veränderungen der äußeren Umstände, die im Leben eines Schriftstellers ziemlich selten sind, auf die Poetik Deiner Romane ausgewirkt?

Lieber Guy, sicher weniger stark als du denkst. Jeder Schriftsteller, der diesen Namen verdient, unterwirft sich zwei Geboten: erstens, Du sollst nur das sagen, was noch nicht gesagt worden ist. Zweitens: Du sollst immer auf der Suche nach einer neuen Form sein. Aber diese Suche nach dem Neuen hat ihre Grenzen. Wenn Du deine Originalität nicht verlieren willst, dann kannst du die Grenzen, die Dir Deine eigene Person setzt, nicht sprengen. Deshalb haben die Sätze in Die Identität, die in französischer Sprache geschrieben sind, dieselbe Melodie wie die meiner tschechischen Romane, die Du durch die Übersetzung kennst. Ich möchte mich einfach, genau, transparent ausdrücken und das in allen Sprachen. Aber vor allem ist folgendes wichtig: der Schriftsteller ist von einem magischen Kreis einiger weniger Themen umgeben, das heißt von ein paar existentiellen Fragen, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigen und ihn überhaupt erst zum Schreiben bringen. Man stelle sich beispielsweise Kafka vor, gezwungen von ein paar sadistischen Folterknechten, einen Roman über die Geliebten Metternichs oder die Schrecken des Krieges zu schreiben; er würde daran scheitern wie ein Schuljunge. Denn fern von den Themen, die ihn faszinierten und die in seinen großen Romanen behandelt werden, hätte er weder Kunst, noch Phantasie, noch Originalität mehr.

Aber meiner Meinung nach besteht ein großer Unterschied zwischen der großzügigen Architektur in sieben Teilen Deiner tschechischen Romane und Deinen zwei letzten französischen Romanen. Als Du vor drei Jahren Die Langsamkeit, Deinen leichtesten und lustigsten Roman, geschrieben hast, wußte man nicht so recht, ob es eine als Abschied gedachte Posse war, oder nur ein Zwischenspiel. Seit Die Identität ist klar, daß es sich um den Anfang eines neuen Zyklus handelte.

Die tschechischen Romane waren wie eine Sonate aufgebaut, also wie eine große Komposition in mehreren Sätzen, die miteinander kontrastieren. In Die Unsterblichkeit bin ich bis an die Grenzen dieser Ausdrucksform gestoßen. Danach konnte ich nur noch aufhören oder eine andere Ausdrucksform wählen. Später habe ich dann zu meiner eigenen Überraschung Die Langsamkeit geschrieben. Das ging mir sehr schnell von der Hand und brachte mir viel Freude. Da war ich sofort woanders. Von der Sonate bin ich zur Fuge übergegangen, das heißt zu einem kürzeren Format, einem unteilbaren Block mit denselben Themen und Motiven (in Die Identität, die rote Farbe, die Hammerschläge, der Speichel, usw.), die immer präsent sind und variiert werden. Aber meine Probleme mit der Form waren damit nicht gelöst; wie konnte man zum Beispiel das Unwahrscheinliche in einen Roman mit einbinden, der zugleich eine scharfsinnige Analyse sein möchte? Für Die Identität stellte sich damit die Frage: wie kann man den Übergang von der Wirklichkeit zum Traum verwischen? In Isländisch, einer Sprache, in der das Wort „Identität“ gar nicht existiert, mußte das Buch unter einem anderen Titel erscheinen. Ich habe vorgeschlagen, es „unsichtbare Grenze“ zu nennen, denn das beschreibt genau, was ich möchte, nämlich eine reale Geschichte erzählen, die unmerklich zu einem schrecklichen Traum wird.

Du sprichst von einem magischen Kreis von Themen, denn für Dich hat der Roman die Aufgabe, die großen Fragen des Lebens zu ergründen. In Die Identität werden mehrere Themen angesprochen, die schon in Deinen vorigen Büchern vorkamen (Freundschaft, Mißverständnis, Mystifizierung, Kitsch) oder neu sind (Langeweile, Außenseitertum und natürlich Identität). Aber zum ersten Mal ist die Liebe das durchgängige Thema, das alle anderen Themen in den Schatten stellt; eine nicht unbedingt lächerliche Liebe  übrigens...

Es besteht eine Verwandtschaft zwischen Chantal aus Die Identität und Agnes, der Hauptperson von Die Unsterblichkeit . Agnes fragt sich, wie sie in einer Welt leben kann, die sie nicht als die ihre betrachtet, mit der sie sich nicht identifizieren möchte. Für sie gibt es zwei Lösungen: die Liebe oder das Kloster. Die Liebe ist ein vielverwendetes Wort, aber sehr selten erfährt man sie wirklich. Da sie die Liebe nicht kennt, gibt es für sie nur eine Lösung, die sie metaphorisch „das Kloster“ nennt. Sie versteckt sich in den schweizerischen Bergen wie einst Fabrice del Dongo in La Chartreuse de Parme. Aber die Liebe, also die andere Lösung, die andere Art, glücklich zu sein in einer Welt, die man nicht mag, gibt es auch noch. Das ist Chantals Lösung. Bei der Liebe erhebt der Liebende seinen oder seine Geliebte/n über alles ander, sogar über die Schöpfung. Seit ihrer Entstehung im Mittelalter hat die Liebe ketzerischen Charakter. Ich wollte erfahren, wie diese Ketzerei heute gelebt werden kann.

aus: Le Nouvel Observateur

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